Studie: Kohlenhydratarme Ernährung kann das Leben verkürzen

In den letzten Jahren haben vielerlei Studien, die den Zusammenhang zwischen Gesundheit und Ernährung zum Inhalt hatten, zur Entwicklung unterschiedlichster Diätformen geführt. Diese Diäten sollen helfen, dass Gewicht zu reduzieren und das allgemeine Wohlbefinden zu verbessern. Besonders beliebt ist derzeit eine Diät, die durch eine starke Reduzierung des Anteils an Kohlenhydraten in der Nahrung große Erfolge in der Gewichtsreduktion verspricht, die sogenannte „Low-Carb-Diät“.

Erhöhtes Sterberisiko

Glaubt man den Ergebnissen einer Studie, erschienen in der Lancet Public Health (2018; doi: 10.1016/S2468-2667(18)30135-X), kann eine kohlenhydratarme Ernährung aber ebenso ein erhöhtes Sterberisiko darstellen, wie eine zu kohlenhydratreichen Ernährung. Das wirft die Frage auf, wie viel Kohlenhydrate man nun eigentlich zu sich nehmen soll und worauf bei der Ernährung sonst noch zu achten ist. Auf der Suche nach den Ursachen für das erhöhte Sterberisiko bei kohlenhydratarmer Ernährung konnte herausgefunden werden, dass die Herkunft der Proteine und Fette, die die Kohlenhydrate ersetzen sollen, eine wichtige Rolle spielt.

Beim Thema gesunde Ernährung steht jeder Einzelne vor einer großen Herausforderung, denn seit Jahren erleben wir einen stetigen Wechsel in den Ernährungsempfehlungen. Zunächst galt eine fettarme Diät als Mittel der Wahl, wenn man den Cholesterinspiegel senken wollte. Auch zur Vermeidung einer Atherosklerose, die zu Schlaganfall und Herzinfarkt führen kann, sollte die fettarme Ernährung beitragen. Die kohlenhydratarme Ernährung, wie sie derzeit verstärkt propagiert wird, soll hingegen der weit verbreiteten Adipositas den Kampf ansagen und die stetige Zunahme von Diabetes in der Bevölkerung stoppen.

PURE-Studie

Dass eine kohlenhydratreiche Ernährungsweise das Sterberisiko erhöhen kann, deckt sich mit den Ergebnissen der sogenannten PURE-Studie („Prospective Urban Rural Epidemiology“), an der 135.000 Probanden von insgesamt 5 Kontinenten teilnahmen. Da es sich jedoch unter den Probanden zum Großteil um Teilnehmer aus dem ostasiatischem Raum handelte, deren Nahrungsgrundlage aus Reis besteht, war von einer kohlenhydratreichen und gleichzeitig fettarmen Ernährung auszugehen. Eine solche Ernährungsweise ist mit der von uns Europäern und der von Nordamerikanern nicht zu vergleichen.

ARIC-Studie

Eine amerikanische Studie liefert verwertbarere Daten. Die sogenannte ARIC- Studie (Atherosclerosis Risk in Communities Study) arbeitet seit über 25 Jahren unter der gleichen Fragestellung, nämlich welche Auswirkungen kohlenhydratreiche bzw. kohlenhydratarme Ernährung auf das Sterberisiko hat. Die Studie begann damit, dass die teilnehmenden 15.428 Erwachsenen zwischen 45 und 64 Jahren einen detaillierten Ernährungsfragebogen ausfüllten, aus dem sich der Anteil, aber auch die Herkunft von Kohlenhydraten, Fetten und Proteinen ermitteln ließ.

Alle Teilnehmer stammten aus Europa oder waren afrikanischer Herkunft und lebten in insgesamt 4 US-Bezirken. In der Auswertung nach 25 Jahren stellten Sara Seidelmann vom Brigham and Women’s Hospital in Boston und ihr Team fest, dass es während der Studie zu insgesamt 6.283 Todesfällen unter der Probanden gekommen war. Nun wurde versucht, die Todesfälle in Verbindung mit der Ernährungsweise zu verstehen.

Seidelmann bestätigt, nach Auswertung der Studie, dass eine kohlenhydratreiche Ernährung mit einem erhöhten Sterberisiko in Verbindung gebracht werden kann. Hierin gehen die Ergebnisse der ARIC-Studie und der PURE-Studie konform. Ein Proband im Alter von 50 Jahren, der über 65 % der benötigten Energie durch Kohlenhydrate zuführte, hatte danach im Durchschnitt noch mit 32,0 Jahren Lebenszeit zu rechnen, wohingegen ein Proband mit einem Anteil an Kohlenhydraten von 50 bis 55 % mit 33,1 Jahren rechnen kann.

Während die PURE-Studie den Zusammenhang zwischen Sterberisiko und geringerer Kohlenhydratzufuhr nicht zu beantworten weiß, liefert die ARIC- Studie hierzu erstaunliche Erkenntnisse. Ein 50-jähriger Proband, der weniger als 30 % seiner benötigten Energie aus Kohlenhydraten bezog, hatte eine Lebenserwartung von nur noch 29,1 Jahren.

Bei einer Kohlenhydratzufuhr von 50 % scheint das Sterberisiko am Geringsten.

Die Menge macht das „Gift“

Der Zusammenhang scheint eindeutig. Sowohl eine zu große Menge an Kohlenhydraten als auch eine zu geringe Zufuhr erhöhen das Sterberisiko erheblich. Eine Metaanalyse, die sich nicht nur den Daten aus der ARIC- Studie und der PURE- Studie bediente, sondern noch weitere kleinere Studien miteinbezog, bestätigt dies ebenfalls. Diejenigen unter den Teilnehmern, die sich über 70 % der Energie über Kohlenhydrate zuführten, hatten danach ein Sterberisiko, das um 23 % erhöht war: Hazard Ratio 1,23 (95-%-Konfidenzintervall 1,11 bis 1,36). Um 20 % war das Sterberisiko unter denjenigen erhöht, deren Nahrung aus weniger als 30 % aus Kohlenhydraten bestand: Hazard Ratio 1,20 (1,09–1,32).

Die Quelle der Makronährstoffe ist entscheidend

Mit der richtigen Menge an Kohlenhydraten allein, ist man aber noch nicht auf der sicheren Seite. Seidelmann schaute sich die Fette und Proteine genauer an, die ja an die Stelle der Kohlenhydrate treten, die nicht im Übermaß verzehrt werden sollten. Die Art der Fette und Proteine, die die Kohlenhydrate bei einer kohlenhydratarmen Ernährung ersetzen, haben ebenfalls einen großen Einfluss auf unsere Gesundheit und somit auf unsere Lebenserwartung. Was genau soll man also zu sich nehmen, wenn man den empfohlenen Anteil von 50 % an Kohlenhydraten erreicht hat? Seidelmann hat hierzu in ihren Studien den Unterschied einer vegetarischen und einer fleischhaltigen Ernährung genauer untersucht.

Vegetarische Ernährung

Vegetarische ErnährungDie Ergebnisse sind eindeutig. Wer bei einer kohlenhydratarmen Ernährung den verbleibenden Energiebedarf über vegetarische Lebensmittel abdeckt, der verringert das Sterberisiko um ganze 18 %. (Hazard Ratio 0,82; 0,78–0,87). Wer seine Kohlenhydratzufuhr gering hält und den Energiehaushalt hingegen mit fleischlicher Kost aufstockt, der muss mit einem erhöhten Sterberisiko von 18 % rechnen. (Hazard Ratio 1,18; 1,08–1,29).

Wenn man den Erkenntnissen Seidelmanns Glauben schenkt, ist man mit einer vegetarischen Ernährungsweise also bestens beraten. Hohe Anteile an tierischen Fetten und Proteinen begünstigen entzündliche Prozesse im Körper und beschleunigen den Alterungsprozess, vermutet Seidelmann. Eine zu geringe Aufnahme von Vitaminen und Spurenelementen wie sie in Obst und Gemüse zu finden sind, können Mangelzustände hervorrufen, die zu Krankheiten führen und somit die Lebenderwartung verkürzen können.

Bei der Betrachtung der Ergebnisse der angebrachten Studien, darf nicht vergessen werden, dass bei der Frage nach dem Zusammenhang zwischen Ernährungsweise und Sterberisiko immer auch andere Faktoren eine Rolle spielen, die in einer Studie nicht immer ausreichend erfasst werden. Dazu gehören unter anderem das Alter, das Geschlecht, Vorerkrankungen, körperliche Fitness, Rauchen und Alkohol, psychische Verfassung sowie Medikamentenkonsum.

Fazit

Abschließend ist also zu einer gesunden Ernährung, die zu ca. 50 % aus Kohlenhydraten bestehen soll und durch frisches Obst und Gemüse ergänzt werden kann, zu einer allgemeinen gesunden Lebensführung zu raten. Auch Andrew Mente und Salim Yusuf von der McMaster University in Hamilton/Kanada raten von Diäten, die gänzlich auf Kohlenhydrate verzichten ab und empfehlen ebenfalls einen Anteil von 50 %. Kohlenhydrate sind wichtig, um genug Energie für vor allem körperliche Aktivitäten zur Verfügung zu haben.

Schreibe einen Kommentar